Hintergrund

Das Projekt Engelland erforscht Neuland in der Anu`schen Theaterarbeit. Arbeiteten wir in den letzten Jahren streng in der Form der begehbaren Theaterinstallation und dem Theater der Begegnung, inszenieren wir die Engel mit ihren bis zu vier Meter breiten Flügeln auf Hausdächern und Balkonen – auf den ersten Blick weit entfernt von unseren Besuchern. Sie scheinen zunächst einmal Bild zu sein, ein wunderschönes Bild, hoch oben über den Köpfen der Menschen. Daher bezeichnen wir Engelland als theatrale Installation. Und dennoch sind sie weit mehr als nur ein Bild, sie sind Erinnerungsfiguren. Jeder Engel steht für eine reale Geschichte, die in den Vorbereitungen recherchiert wurde. Diese Geschichte erreicht auf ganz unterschiedlichen Wegen unsere Besucher: Der Engel selbst hat die Möglichkeit mit ihnen in Kontakt zu treten – dies geschieht über den Augenkontakt, über Requisiten wie Briefe oder Blumen, die der Wind nach unten trägt. Am Boden erscheinen zeitgleich Bodenfiguren, die mal als kuriose Engelforscher oder in anderen Zusammenhängen von den Geschichten der Engel erzählen. Installationen mit Fernrohren und Audiocollagen lassen die Besucher ebenfalls nahe an die Engel heran. Außerdem werden während der Auftritte Programm-Folder an die Besucher verteilt, in denen alle Figuren und deren Geschichten nachgelesen werden können.

Für uns war diese Konzeption bei ihrer Premiere am 9. November 2009 ein Experiment. Werden sich die Besucher wirklich auf geschriebenen Text einlassen, um einer Theaterinszenierung im öffentlichen Raum zu folgen? Die Texte sind natürlich keine erklärenden Programmartikel wie man dies von klassischen Theaterabenden kennt, sie sind selbst „inszeniert“ – bei Texten spricht man viel selbstverständlicher von einer Poetisierung als beim Medium Theater.

Das Experiment „Berlin“ ist geglückt! Neben dem „Bild des Engels“, das in zahlreichen wunderschönen Fotografien festgehalten wurde, gab es viele wunderbare Theatermomente. Die Menschen gruppierten sich und lasen gemeinsam die Geschichten der Engel, sie ordneten sie unseren Engeln zu und traten neugierig an unsere Engelforscher heran als würden Engel tatsächlich zu unserer Realität gehören…

Plötzlich sitzen sie da,
Ihre Flügel weit ausgebreitet,
Hoch oben auf Balkonen und Dächern.

Ihre Blicke gelten Dir.
Innehalten. Stumme Zwiesprache.
Glücklicher Moment.

Und wenn Du zurückkommst,
Kannst Du sagen:
Ich bin heute einem Engel begegnet.
Ein Erinnerungsprojekt

Wir, Theater Anu und Bartel Meyer haben mit Engelland ein Erinnerungsprojekt geschaffen, das die Geschichten einer Stadt in das kollektive Gedächtnis von Menschen einschreiben kann. Dafür suchen wir in den Recherchen Alltagsgeschichten, die die Kraft haben, uns Menschen zu berühren. Diese Berührungen, dieses „Sich von einem Schicksal angerührt Fühlen“ verbindet uns mit den erinnernden Figuren und ihren vergangenen Geschichten. Ihre Geschichten werden zu unserer Geschichte. Der Engel strahlt Ruhe und Friedfertigkeit aus. Der Kampf ist vorbei. Der Schmerz ist vorüber. Ärger und Leid sind der Hoffnung gewichen. Engel erzählen ihre Geschichten mit einem sanften Lächeln.

Engelland trägt das Land im Namen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Projekte wird irgendwann einmal ein ganzes Land voller Erinnerungsgeschichten sein, Geschichten, die die Engel zu uns gebracht haben.
Eine eigene Homepage dokumentiert alle Projekte mit ihren poetisierten Geschichten. Der Fotograf Alfred Mauve begleitet uns bei jedem Engelland-Projekt.
Ziel ist es, in einigen Jahren eine Ausstellung, einen Katalog aller Engel über…– Inszenierungen zu gestalten.

Engel über Berlin

9. November 2009. Acht Engel erschienen auf den Dächern am ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer, zwischen Holocaust-Mahnmal und Potsdamer Platz. Acht Geschichten von Menschen, deren Schicksale eng mit dem Mauerbau 1961 verbunden waren und die die Wiedervereinigung selbst nicht mehr erlebt haben. Eine Braut, die ohne ihre Eltern Hochzeit feiern musste oder ein Rentner, der solange ein Bäumchen in seinem Garten umsetzte bis er die geeignete Stelle für einen Tunnel fand. Nun, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, sind sie zurückgekehrt um zu sehen, was aus der einst geteilten Stadt geworden ist. Am Boden erschienen die beiden kuriosen Engelforscher Frau Wallies und Herr Zwiebler, die den Berlinern von ihren Engeln erzählten. Ein poetisches Bild für die friedliche Wiedervereinigung.
Engel über Zollverein

9. Januar 2010. Eröffnungsfeier der Europäischen Kulturhauptstadt auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen. Die Engel zeigten sich auf der Schwarzen Seite der Kokerei. Sie verkörperten Geschichten des ehemaligen Bergarbeiterlebens der letzten hundert Jahre: ein Kanarienvogelzüchter, der seine Liebe zu den Vögeln in der Zeche fand, die Tiere wurden in den Stollen mitgenommen um den Sauerstoffgehalt zu testen; ein italienischer Gastarbeiter, der sein Glück bei „Glück auf!“ gefunden hat; eine Bergarbeiterfrau, die sich bei jedem Zu-spät-Kommen um das Leben ihres Mannes sorgte…